Buchladen Rote Straße – Göttingen

Nikolaikirchhof 7 in 37073 Göttingen Telefon 0551 / 42128 Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein. Öffnungszeiten: Mo - Fr: 10 - 18:30 Uhr Sa: 10 - 15 Uhr

Redebeitrag der Buchladenpreisgewinner*innen der Herzen in Leipzig zur Buchmesse (18.03.26) und zwei Petitionen

Liebe Freund*innen des Buchladens Rote Straße,

wir möchten euch hinweisen auf zwei Petitionen anlässlich der peinlichen Praxis des "Kulturkampfministers" Wolfram Weimer. Eine hier, die seinen Rücktritt fordert https://weact.campact.de/petitions/kultur-braucht-freiheit-freiheit-braucht-kultur-weimer-muss-weg
und eine hier vom Landesverband Nord des Börsenvereins des deutschen Buchhandels https://www.openpetition.de/petition/online/buchhandlungspreis-2025-unterstuetzung-fuer-ausgeschlossenen-buchhandlungen?

Sonst wollten wir mit euch den Redebeitrag teilen, der freundlicherweise am 18.03.26. bei der Kundgebung "Gegen Zensur und Autoritarismus" (vielen lieben Dank an die Organisator*innen und Teilnehmenden) für uns drei Buchhandlungen vorgelesen wurde, das klang ungefähr so:

"Wir sind überwältigt, und das gleich in vielerlei Hinsicht – überwältigt von den sonderlichen Vorgängen im Kulturministerium, überwältigt von der unglaublichen Solidarität, die sich quer durchs ganze Land zieht, aber auch überwältigt von Müdigkeit, weil wir neben den beständigen Diskussionen, dem Nachdenken über das Vorgefallene, Presse- und Interviewanfragen und dem Austausch mit unseren Anwält:innen auch noch Buchläden offenhalten, in denen gerade sehr, sehr viele Menschen unterwegs sind. Deshalb sind wir nicht in Leipzig, wir schaffen das einfach nicht …

Wir freuen uns sehr, dass sich solidarische Menschen versammeln, um sich gegen die peinliche Praxis des "Kulturkampfministers" Wolfram Weimer zu wehren. Wir wollen uns bedanken: bei euch und allen Menschen, die solidarisch Bücher bestellen, für die breite Rückendeckung von Verlagen, Autor:innen, Buchhandlungen und allen anderen, deren Aufzählung sicherlich mindestens eine halbe Stunde beanspruchen würde. Wir freuen uns über alle Leute, die regelmäßig zu uns kommen, und über alle neuen Gesichter, die seit dem Weimerischen Fehlgriff zu uns in die Läden strömen.

Die Empörung ist groß: zurecht! Wir haben uns auf einen Preis beworben, hätten ihn bekommen, wurden belogen und nachträglich gestrichen, weil wir einem erzkonservativen Minister nicht in den Kram passen. Er bläst zum Angriff auf Buchläden, auf Orte der Irritation, wo sich Menschen über die Welt, in der sie leben müssen, informieren können, wo sich Menschen aufhalten und verbinden können, wo Menschen ohne Angst sein können, wie sie sind oder sein wollen, wo sie sich eine Zukunft vorstellen können, die schöner ist als die Gegenwart.

Gleichzeitig werden überall Projekte, Institutionen und kulturelle Einrichtungen, die sich für ein anderes Zusammenleben einsetzen, attackiert. Ihnen werden Gelder entzogen, Leute werden entlassen und wie unsere Läden auch werden sie ganz direkt in Wort und Tat von Rechten angegriffen. Und das geschieht nicht nur hier in Deutschland, sondern weltweit. Sei es in den USA, in Ungarn, in der Türkei und an anderen Orten dieser Welt, deren Aufzählung leider ebenfalls mindestens eine halbe Stunde beanspruchen würde.

Wenn wir den Worten unseres obersten Kulturkämpfers und den Worten diverser AfD-Funktionäre und dem rechten Geraune insgesamt lauschen und genauer zuhören, geht es wohl nur vordergründig um linke Buchläden: eigentlich geht es darum, vielfältige, diverse und queere Kulturen soweit zurechtzustutzen oder zu verdrängen, bis nur noch die „natürliche Aufeinander-Bezogenheit von Mann und Frau“, so Weimer 2012 in einem seiner Bücher, übrig bleibt. Für jene, die solche Ziele verfolgen, wirkt praktisch alles radikal, was dem widerspricht, und alles wird zum Ziel, was irgendwie mit Büchern zu tun hat: Buchläden, Verlage, Bibliotheken und mehr.

Wir hoffen, dass die Geschehnisse zur mutigen Diskussion anregen. Dass es nicht bleibt bei Gesprächen über die Oberfläche, dem Cover, sondern wir auch weiterblättern und uns alle weiteren Kapitel anschauen. Mögliche Fragen: Was ist der Verfassungsschutz eigentlich für eine Behörde? Wurde sie vielleicht vorgeprägt durch die Nazis, die dort nach dem NS wieder ihre erste Anstellung fanden? Wem nutzt die unsägliche Gleichsetzung von links und rechts? Was für ein sonderbares Denken setzt die gnadenlose Intoleranz, die zur rechten Ideologie dazugehört, mit Menschen gleich, die Kritik an Sexismus, Rassismus und Antisemitismus – und ja, auch am Kapitalismus üben und für die eine ungleiche Welt ohne Vielfalt keine gute Welt ist?

Eure Buchhändler:innen können euch zu all diesen Fragen und Themen ein Buch in die Hand drücken, welches in Komplexität und Tiefe schon im Vorwort die provinziellen Ergüsse verschiedener konservativer Politiker widerlegen und übertreffen würde.

Wir bitten euch, alle Kolleg:innen und alle anderen: Macht weiter gegen rechts, supportet Räume, in denen alle sich eine bessere Welt erspinnen dürfen, und schafft weitere Orte, an denen sich über die Zumutungen dieser Gesellschaft informiert werden kann. Wir machen weiter, mit und ohne Preis, aber hoffentlich niemals ohne Euch!

Mit ganz lieben Grüßen

Buchladen Rote Straße * The Golden Shop * Zur schwankenden Weltkugel"

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